Pressespiegel2006WDR-Online, 24.2.2006, von Frank Menke

Kein Karneval der Karikaturen

WDR.de, 24.2.2006, von Frank Menke

Selbst die frechen Düsseldorfer üben Rosenmontag Selbstzensur

Beim Humor hört der Spaß schnell auf, wie der Streit um die Mohammed-Karikaturen zeigt. Selbst der Düsseldorfer Karnevals-Wagenbauer Jacques Tilly, berüchtigt für kirchenkritische Seitenhiebe, übt sich in Selbstzensur.

Was wiegt schwerer: das Recht auf freie Meinungsäußerung oder die Rücksichtnahme auf religiöse Gefühle, besonders die der Muslime? "Weder noch", sagt Düsseldorfs Karnevals-Wagenbauer Jacques Tilly, berüchtigt für seine satirischen Attacken auf Religion und Politik. Für ihn heißt das Motto dieses Jahr "Sicherheit zuerst". "Wenn man durch die eigene Arbeit Menschenleben gefährdet, muss man Maßstäbe neu setzen", sagt er vor dem Hintergrund der weltweiten Gewaltausbrüche wegen der Mohammed-Karikaturen. Einen Karneval der Karikaturen wird es deshalb in Düsseldorf nicht geben.

Es sei "eben ein Unterschied, ob eine Religionsgemeinschaft mit Klage droht oder damit, den Leuten den Kopf abzuschneiden", sagt Tilly. Auch für Jürgen Rieck, Geschäftsführer des Carnevals Comitees (CC), wäre es Wahnsinn, Mohammed-Figuren ziehen zu lassen: "Wir als Veranstalter tragen die Verantwortung. Gegen Fanatiker kann man sich nicht wehren. Ich sehe das mit Bedauern. Aber bei den Menschenmassen hat die Sicherheit Vorrang." Geschäftsführer Rieck hat das Image des Düsseldorfer Zochs als frechsten Deutschlands maßgeblich mitkreiert.

Dass den Düsseldorfer Karnevalisten (so gut wie) nichts heilig ist, hat Wagenbauer Tilly mehr als einmal bewiesen. So schlug er schon mal Narrenfiguren ans Kreuz und hängte ihnen ein Schild um mit der Aufschrift: "Karneval in Bayern". Unter dem Stichwort "Ökumene" ließ er einen katholischen und evangelischen Geistlichen Zungenküsse austauschen. Im Düsseldorfer Zoch 2005 wurde der Iran mit einem "Mullahburger" veräppelt. Für den größten Wirbel freilich sorgte eine Kardinal-Meisner-Figur, die an einem Scheiterhaufen zündelt, auf dem eine Frau bekennt: "Ich habe abgetrieben".

Keine "Blasphemie" in Köln

Weniger Gewissenskonflikte als die Düsseldorfer haben die Kölner Jecken. Sie vertreten eine gemäßigtere närrische Philosophie: "Geschmacklosigkeiten wie die Meisner-Figur haben in Köln keinen Platz. Blasphemische Darstellungen, ganz gleich welcher Religion, hatten und werden wir nicht in unserem Zug haben", sagt Zugleiter Christoph Kuckelkorn. Im Klartext: "Religiöse Motive im Zug ja, aber nicht bloßstellen und verletzen, sondern dass man drüber lachen kann." Kuckelkorn spottet, dass die Düsseldorfer Respektlosigkeit "deren einzige Möglichkeit ist, überhaupt wahrgenommen zu werden".

Tilly kontert gelassen: "Die Kölner lassen sich doch ihre Wagen von Oberbürgermeister Schramma und Kardinal Meisner persönlich absegnen, damit's keinen Ärger gibt." Und legt nach: "Religiöse Gefühle sind nicht schützenswert, weil sie schon so viel Unheil angerichtet haben. Wären einst in Europa nicht religiöse Gefühle verletzt worden, würden auch in Köln immer noch die Scheiterhaufen brennen." Kein Wunder, dass Tilly wegen seiner Angriffe auch schon Morddrohungen erhielt.

"Kein Recht zu verspotten, was anderen heilig ist"

Unterdessen mahnt auch der Bund Deutscher Karneval (BDK), sozusagen das Zentralkomitee der organisierten Narren, zur Besonnenheit. "Keiner hat das Recht dazu, zu verspotten, was anderen heilig ist", sagt Präsident Volker Wagner. Zwar dürfe man kirchliche Dinge karikieren: "Aber man muss wissen, wo die Grenze ist." Er begrüßt es, dass die Karnevalisten in ganz Nordrhein-Westfalen den Karikaturenstreit nicht zum Rosenmontagszugs-Thema machen wollen: "Wer das dennoch machen würde, hätte ein riesiges Sicherheitsproblem. Die Leute, die kampfbereit sind für ihren Glauben, würden wohl auch einen Rosenmontagszug angreifen."

Wie dünn das Eis derzeit für Satiriker ist, zeigte auch die aktuelle Kölner Stunksitzung. Dort wurden Papst Benedikt XVI. als Popstar und Kardinal Joachim Meisner als Möchtegern-Popstar dargestellt, die sich zum Schluss des Sketches in einem Bett küssen. Folge: Eine Privatperson zeigte die Verantwortlichen der Sitzung an - wegen Störung des religiösen Friedens.

Bildunterschriften:

Die neuen Leiden des Jacques Tilly

Dieses Jahr zu gewagt

Der Würdenträger war "not amused"

"Behaltet euren verqueren Humor für euch"