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"Beschimpfungen sind Auszeichnungen"

WDR-Online, 31.1.2005, von Frank Menke

Düsseldorfer Jacques Tilly baut die frechsten Karnevalswagen

Er schlug Narren ans Kreuz, ließ Bundeskanzler Schröder blank ziehen und CDU-Chefin Merkel aus dem Hintern von George Bush krabbeln. Der Düsseldorfer Jacques Tilly baut die frechsten Karnevalswagen. Die Opfer zittern. Und das Narrenvolk rast - vor Schadenfreude.

"Wurde der Karneval etwa nicht erfunden, um die Obrigkeit zu veräppeln?" fragt Jacques Tilly lausbübisch. Der Baumeister der Düsseldorfer Rosenmontagszugswagen ist wohl der mutigste seiner Zunft. Nichts und niemand ist vor seinem Spott sicher. Davon kann der Bundeskanzler ebenso ein Lied singen wie seine Kontrahentin Angela Merkel. Session für Session erregen Tillys jecke Kunstwerke die Gemüter. Die Reaktionen reichen von Gunstbezeugungen des Narrenvolks über wütende Proteste der Veräppelten bis hin zu anonymen Morddrohungen. Tilly gelassen: "Wir sehen Beschimpfungen als Auszeichnung unserer Arbeit an."

Skandale pflastern seinen Weg

Wenn Tilly und sein Team aus Drahtgestell und Pappmaché die bitterbunten Karnevalswagen bauen, stehen die Empörten fast schon auf den Barrikaden. Angela Merkel tat 2003 das einzig Richtige: Sie schwieg. Im Gegensatz zu Düsseldorfs Ex-Oberbürgermeisterin Marlies Smeets (SPD). Nach ihrer verlorenen Wiederwahl 1999 hatte Tilly einer auf dem Rücken liegenden Smeets-Figur ein Messer in den Bauch gerammt und "Stichwahl" draufgeschrieben. "Geschmacklos", echauffierte sich die Politikerin. Tilly zog den Wagen zwar zurück ("Wir wollten sie nicht persönlich verletzen"), sagte aber auch: "Das Prädikat 'geschmacklos' ist für uns ein Ehrenprädikat."

Nackte Tatsachen erregten

Gar verhöhnt von Tilly fühlte sich 1998 der Bund Deutscher Karneval (BDK), quasi das Zentralkomitee der Narren Deutschlands. Dessen damaliger Vizepräsident hatte sich für eine "saubere Session" stark gemacht. Was bedeutete: Busenverbot im Karneval. Worauf Tilly einen Wagen baute, der fast nichts anderes zeigte als zwei Riesenbrüste. Der nackte Wahnsinn fuhr dann auch im Zoch mit. Weshalb Bundesnarren und Düsseldorfer Karnevalsbosse keine Busenfreunde wurden.

Bayrische Jecken gekreuzigt

Schluss mit lustig war auch, als er 1996 im Zuge des Kruzifix-Urteils bayrische Narren ans Kreuz schlug. Tilly: "Klerikale Würdenträger empörten sich, das sei Gotteslästerung. Christliche Fundamentalisten jagten mir in anonymen Drohbriefen ganz weltlich blaue Bohnen zwischen die Rippen. Zudem versuchte die Kirche, Sponsoren unter Druck zu setzen, um den Wagen zu verhindern." Ein katholischer Pfarrer aus Düsseldorf habe sich ganz besonders ereifert: "Der rückte uns mit den Worten 'Wehret den Anfängen' in die Nähe von Nazis", erinnnert sich Tilly. Allerdings nur solange, bis herauskam, dass der Kirchen-Monsignore seinem obersten Dienstherrn drei (eigene) Kinder unterschlagen hatte. Und der Wagen fuhr trotz aller Widerstände im Zoch mit - wenngleich wie von Verpackungskünstler Christo verhüllt.

Narrenfreiheit dank Geheimhaltung

Dennoch darf Satire laut Tilly nicht alles: "Auch wenn die Tabugrenzen in unserer Gesellschaft immer tiefer sinken, sind ausländer- und frauenfeindliche Motive für uns kein Thema." 25 politische Mottowagen baut er für den aktuellen Zoch. Die Ideen dazu brütet er alleine am Schreibtisch aus. Und verliert kein Sterbenswörtchen darüber. Denn nach dem alljährlich wiederkehrenden Knatsch um die frechen Wagen, nach dem Ärger mit Ex-Oberbürgermeisterin Smeets werden die Wagenmotive nicht mehr vor Rosenmontag präsentiert. Tilly: "Dank der Geheimhaltung haben wir jetzt wirklich Narrenfreiheit."