Pressespiegel2007Spiegel, 26.5.2007, Titel Giordano

"Beten verboten!"

Der Spiegel, 26.5.2007, von Ansbert Kneip

Ein Drittel der Deutschen sind konfessionslos - ein Zentralrat soll ihnen jetzt gleichviel Einfluss wie den Kirchen verschaffen.

Jedes Jahr Anfang Januar stehen die Heiligen Drei Könige vor dem Haus von Herbert Steffen in Mastershausen. Die sogenannten Sternsinger, Jugendliche aus der Dorfgemeinde, tragen ein frommes Lied vor, dann erbitten sie eine Spende für die Mission.

Steffen ist ein reicher Mann, 72 Jahre alt, ehemaliger Möbelhausbesitzer, Millionär. Aber von ihm kriegen die Sternsinger keinen Cent. Wäre ja noch schöner.

"Beten verboten!", so steht es auf dem Schild an seiner Haustür. Herbert Steffen hat in diesem tiefkatholischen Dorf im Hunsrück eine religionsfreie Zone eingerichtet. Hinter der Haustür liegt das Hauptquartier der deutschen Ungläubigen.

Die Giordano Bruno Stiftung, benannt nach dem im Jahr 1600 in Rom verbrannten Ketzer, versucht von Mastershausen aus all diejenigen zu organisieren, die an Gott und Kirche nicht glauben. Die Stiftung liefert ihnen das theoretische Rüstzeug, sie ist der Think-Tank der deutschen Atheisten. Man könnte auch sagen: Die Giordano Bruno Stiftung ist das geistige Oberhaupt all derjenigen, die geistigen Oberhäuptern nicht trauen. Und das ist naturgemäß ein ziemlich mühsames Geschäft.

Rund ein Drittel aller Deutschen sind konfessionslos, je etwa gleich viel evangelisch und katholisch. Die NichtChristen bilden also eine genauso starke Bevölkerungsgruppe, doch in Rundfunkräten oder Ethikkommissionen der Republik sind sie nicht vertreten. Wo immer in einem Ausschuss die gesellschaftlich relevanten Gruppen vertreten sein sollen, sitzen Katholiken, Protestanten, aber nie die Konfessionslosen.

Ein Zentralrat der Nichtkonfessionellen müsse her, meint Michael Schmidt-Salomon, 39, der Sprecher der Stiftung. Eine Vertretung der Nichtgläubigen, damit auch deren Stimme gehört wird - wobei allerdings unklar ist, was diese Stimme des Humanismus dann sagen würde. Soll in die Räte und Kommissionen jetzt auch ein Quoten-Atheist einziehen? Oder sollen die Gottlosen darauf drängen, dass die Kirchenleute aus den Gremien verschwinden?

Bisher sind alle Versuche misslungen, die Verbände der Atheisten unter ein gemeinsames Dach zu bringen. Und selbst dann wären sie noch keine Massenorganisation. Selbst die Zeugen Jehovas bringen in Deutschland mehr Anhänger auf die Beine als alle organisierten Ungläubigen zusammen.

Die größte Atheisten-Vereinigung, der Humanistische Verband Deutschland, wird auf kaum mehr als 10000 Mitglieder geschätzt. Der "Internationale Bund der Konfessionslosen und Atheisten" trägt zwar einen klangvollen Namen, spricht aber ebenfalls nur für ein paar tausend Organisierte - und das sind zum Teil dieselben wie beim Humanistischen Verband. Die deutschen Anhänger der naturalistischen "Brights"-Bewegung wiederum finden sich auch im Umkreis der Giordano Bruno Stiftung wieder. In Broschüren, Seminaren, Vorträgen: Überall stößt man auf dieselben Namen.

Die Aktiven unter den kritischen Geistern bilden nur einen kleinen Zirkel, man lobt sich gegenseitig. In diesem Herbst stiftet die Giordano Bruno Stiftung eine Ehrung, den Deschner-Preis, benannt nach einem Kirchenkritiker. Der Preis ist mit 10000 Euro dotiert und geht dieses Jahr an Richard Dawkins, den britischen Vordenker der Brights.

Der deutsche Brights-Chefdenker ist Stiftungssprecher Michael Schmidt-Salomon, er trägt Strubbelfrisur zum Jackett. Schmidt-Salomon lebt als Philosoph in Trier, von ihm stammt das "Manifest des evolutionären Humanismus". Gott sei nur ein "imaginäres Alphamännchen", heißt es darin.

Einmal war das Buch für kurze Zeit Bestseller: Ostern hatte er einen Auftritt im Vormittagsprogramm von 3sat, danach lag sein Manifest auf Platz zwei der Amazon-Bestsellerliste - hinter "Harry Potter", aber vor dem von Papst Benedikt XVI.

Mittlerweile steht das Buch wieder mehr als 4000 Plätze weiter hinten. Schmidt-Salomon sitzt im Wohnzimmer des Stiftungshauses und soll erklären, weshalb in Deutschland die Atheisten nur eine so bescheidene Rolle spielen. Deutschland sei eines der am stärksten säkularisierten Länder der Welt, sagt er. Im Alltag spiele Religion für die meisten Menschen kaum noch eine Rolle - den Anti-Christen fehlt gewissermaßen der Gegner.

Die Kirchen hätten den Glauben und die Gottesdienste schon weitgehend entmystifiziert, sagt Schmidt-Salomon: "Das Alleinstellungsmerkmal der Humanisten", die Rationalität, "ist verlorengegangen." Soll heißen: Wenn die Kirchen immer weltlicher werden, kann man sich immer schlechter von ihnen absetzen.

Schmidt-Salomon fordert, der Aufteilung der Bevölkerung entsprechend, jeden dritten christlichen Feiertag zu streichen und durch einen anderen zu ersetzen, einen Charles-Darwin-Gedenktag beispielsweise. Das klingt schlüssig, besonders massentauglich ist die Forderung aber nicht. Den meisten Deutschen, auch den christlichen, dürfte egal sein, wenn Pfingsten künftig nicht mehr Pfingsten hieße - ohnehin kann kaum jemand noch erklären, was das Fest bedeutet, Hauptsache, der Montag bleibt frei.

Nur wenige Konfessionslose sind so motiviert wie Janosch, der Kinderbuchautor, berühmt durch die liebevollen Geschichten von Tiger und Bär. Janosch gehört zum Beirat der Stiftung. Ihn verschreckten die Katholiken als Kind mit ihrer Lehre von der Erbsünde - das Trauma verfolgt ihn noch heute. Er sagt: "Den katholischen Unsinn geglaubt zu haben war für mich das größte Unglück des Lebens. Das Geborenwerden ist für einen Katholiken die erste große Sünde, das ist so absurd, dass man es nicht ertragen kann. Als Katholik ein Kind zu gebären heißt: es mit der Sünde zu belasten."

Heute gibt es böse Janosch-Zeichnungen als Postkarten bei der Stiftung. Ein Motiv zeigt etwa ein Baby, dem bei der Taufe ein Kreuz ins Herz genagelt wird. Und wahrscheinlich ist das der einzige Weg, in einem säkularen Land Aufmerksamkeit zu erreichen: Kirchenspott und gezielte Tabuverletzung.

Im Düsseldorfer Karneval etwa fuhr 2005 der Kölner Kardinal Joachim Meisner als Pappmachéfigur mit, dargestellt beim Entzünden einer Frau auf dem Scheiterhaufen. Im vergangenen Jahr wurden muslimische Selbstmordattentäter verspottet, davor einmal bayerische Befürworter von Kruzifixen im Klassenzimmer.

Der Wagenbaumeister des Düsseldorfer Karnevals heißt Jacques Tilly. Auch er ist im Beirat der Giordano Bruno Stiftung. Und seine gotteslästerlichen Karnevalswagen haben mehr Resonanz gefunden als jede Debatte über den evolutionären Humanismus als Leitkultur.

Die Sternsinger vor dem Stiftungshaus im Hunsrück stört all das nicht. Sie kommen tapfer jedes Jahr wieder, bitten um Geld und schreiben "C+M+B" an die Tür. Und das heißt nicht etwa "Caspar, Melchior und Balthasar", sondern "Christus mansionem benedicat": Der Herr segne dieses Haus.

Bildtext:
Janosch-Zeichnung "Taufe": "Das ist so absurd, dass man es nicht ertragen kann"