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Dankesrede

Dankesrede von Jacques Tilly zur Verleihung des Rheinlandtalers in der Kategorie „Kultur“ am 17. September 2020 im Rathaus der Stadt Düsseldorf.

Lieber Oberbürgermeister Thomas Geisel, lieber Herr Prof. Dr. Wilhelm, lieber Herr Lohe, liebe Repräsentanten des Landschaftsverbands Rheinland, lieber Jürgen Tüllmann, lieber Hermann, liebe Anwesende allerseits.

    Vielen Dank zunächst an meine beiden Vorredner und deren lobenden Worte. Auch wenn ich jetzt möglicherweise den Anschein erwecke, ich würde hier eine falsche Bescheidenheit vortäuschen, so muss ich dennoch deutlich sagen, dass in meiner Natur leider eine starke Tendenz zur Selbstkritik bis hin zu Selbstzweifeln liegt. Deshalb muss ich innerlich mühsam davon überzeugt werden, dass meine Arbeit tatsächlich preiswürdig ist. Und an dieser Stelle möchte ich ebenfalls deutlich machen, dass bei dieser Preisverleihung nicht nur ich allein, sondern immer auch mein gesamtes Team mit gemeint ist. Denn ohne mein Team bin wäre nichts, alle unsere Arbeiten sind Gemeinschaftsprodukte. Insofern teilt sich das gesamte Tilly-Team den Rheinlandtaler.

    Und ohne ein Karnevalskomitee, dass diese zum Teil wirklich drastischen Satirewagen will und auch finanziert, würde ich hier auch nicht stehen. Insofern sehe ich das Comitee Düsseldorfer Carneval ebenso als Träger dieses Rheinlandtalers. Vielen Dank an dieser Stelle auch an das CC, seinen Mut und seinen Willen, auch noch die schärfsten Wagenentwürfe durchzuwinken.

    Als ich die Nachricht erhielt, als Träger des Rheinlandtalers auserkoren worden zu sein, habe ich mich zuerst natürlich gefreut. Und dann habe ich mich informiert, was der Verleiher des Talers, der Landschaftsverband Rheinland (LVR), eigentlich genau macht. Ich war überwältigt von der Fülle der wichtigen Aufgaben, die der LVR wahrnimmt. Die Zeit würde nicht reichen, das alles aufzuzählen. Vor allem in den Bereichen Inklusion, in der Arbeit mit Behinderten und im Bereich der Psychatrie und Heilpädagogik, insbesondere der Kinder- und Jugendpsychatrie, ist der LVR vorbildlich engangiert. Ich selbst beziehe mich gerne auf die Werte und Traditionen des Humanismus, und deshalb kann ich mich voll und ganz mit den Tätigkeiten des LVR identifizieren. Und je wichtiger und gewichtiger die Organisation, desto wichtiger und gewichtiger ist auch der Preis, den sie verleiht. Vielen Dank an alle Entscheider im Landschaftsverband Rheinland für diese heutige Talerverleihung.

    Nun wird der Rheinlandtaler in meinem Fall für die Rubrik Kultur verliehen. Was mich zusätzlich freut. Denn Karneval sehen viele Menschen nicht als Teil der Kultur an, sondern eher als Unkultur. Karneval gilt vielen eher als „Ballermann“, laut, vulgär und „prollig“, weit entfernt von den elitären Ansprüchen der Hochkultur. Und ein solcher Preis trägt dazu bei, diese „Karnevalsverächter“ vielleicht doch noch vom Gegenteil zu überzeugen. Auch dafür vielen Dank.

    Nun hat die Kultur ja in diesen Coronazeiten insgesamt einen schweren Stand. In der Rangliste der Bedürfnisse rangiert Kultur, wenn die existentielle Grundbedürfnisse wie etwa die Gesundheit gefährdet sind, unter ferner liefen. Es ist wirklich zum Verzweifeln, was wir momentan erleben müssen, nämlich dass ganze Kulturbranchen, etwa die Musik oder das freie Kabarett, in ihrer Existenz bedroht sind. Künstler, die gestern noch auf der Bühne bejubelt wurden, wissen heute nicht mehr, wie sie die Miete zahlen können. Die wirklich sehr renommierte Düsseldorfer Kabarettbühne „Das Kommödchen“ liegt gerade im Todeskampf. Ein längerfristiges Überleben ist mit den neuen und strengeren Besucherzahlregelungen unmöglich. Das wäre ein unwiederbringlicher Verlust. Unsere Gesellschaft als Solidargemeinschaft muss einfach dafür sorgen, dass Corona nicht zur langfristigen Verödung der gesamten Kulturlandschaft führt.

     Doch nicht nur die Coronapandemie bedroht das kulturelle Leben insgesamt. Wie jüngst in Frankreich führen an sich harmlose Mohammedkarikaturen immer noch zu Mord. Ein Lehrer, der die Karikaturen im Unterricht besprochen hatte, wurde vor wenigen Tagen enthauptet, fünf Jahre nach Terrorakt gegen die Charlie-Hebdo-Redaktion. Überhaupt erleben wir ja eine seit Jahren weltweit einen Angriff totalitärer Denkstrukturen auf die offene und freie Gesellschaft, auf die Freiheit der Kunst und der Satire. Islamisten und Rechtsextremisten gehören in denselben, nämlich menschenrechtsfeindlichen und antidemokratischen Topf.

    Doch die Freiheit der Kunst ist nicht nur von rechts bedroht. Seit einiger Zeit, verstärkt in den letzten Monaten, wird eine freiheitliche Atmosphäre für die Kunst- und Humorschaffenden von ganz anderer Seite eingeengt. Die Angriffe kommen diesmal aus den vermeintlich eigenen Reihen, aus dem eher linksliberalen, progressiven und emanzipatorischen Spektrum der Gesellschaft.

    Ein paar Beispiele: Die altehrwürdige Karikaturistin Franziska Becker wird von jungen Feministinnen als Rassistin beschimpft, weil sie sich in ihren Karikaturen gegen die Islamisierung von Migrantenkindern und gegen Kopftücher für kleine Mädchen ausgesprochen hat.

    Der Kölner Karikaturist Ralf König wird als „transphob“ und rassistisch bezeichnet und wird aufgefordert, seine eigene Arbeit, in diesem Fall ein Wandbild in Brüssel, zu überpinseln. Ralf König verstand die Welt nicht mehr. Ausgerechnet Ralf König, der sich ein Leben lang wie sonst kaum ein Zweiter für die Akzeptanz des homosexuellen Lebensstils eingesetzt hat, wird von der eigenen Gemeinde, seiner eigenen Zielgruppe attackiert.

    Und Harry Potter Autorin J. K. Rowling wird gerade von rechts und links in die Zange genommen. Vor einem Jahr haben durchgeknallte, rechtskonservative, polnische Priester ihre Harry Potter Bücher verbrannt, weil diese Bücher „Propaganda für Hexerei und Dämonen“ machen würden. Und seit sie einmal sarkastisch bemerkte, dass man doch statt „menstruierende Menschen“ ruhig den alten Begriff „Frau“ nutzen könnte, ging die Minderheit der Transfrauen und alle, die sich mit ihren solidarisierten, also die LGBT-Szene (Lesbian, Gay, Bisexual and Transgender) auf die Barrikaden. Auch hier wurden Rowlings Bücher verbrannt, wenn auch nur virtuell/digital.

    Die Klamotte um die geplante Hamburger Lesung der Kabarettistin Lisa Eckhart gehört in diesem Zusammenhang ebenfalls erwähnt. Genauso wie Dieter Nuhr, der für seine kritischen Äußerungen zu Greta Thunberg sehr heftig attackiert wurde.

    Nun sehe ich Greta und die Fridays-for-Future-Bewegung auch anders, nämlich sehr viel positiver als Dieter Nuhr. Ich habe da einen ganz anderen Standpunkt. Und einige Äußerungen von Lisa Eckhard halte ich zumindest für grenzwertig. Dabei muss eins klar sein: Auch Satiriker und KabarettistInnen können sich irren, und sie dürfen selbstverständlich kritisiert werden. Auch die Kritiker müssen Kritik an ihrer Kritik ertragen, so sind nun mal die Spielregeln einer offenen Streitkultur. Und man muss es auch hinnehmen, dass sich die Wertordnung der Gesellschaft allmählich wandelt und man heute die Dinge unter Umständen anders sieht als noch vor etwa 50 Jahren. Und manch blutrünstiger Kolonialist muss nicht für ewig als Denkmal verherrlicht bleiben, wenn sich die Gesellschaft und damit die Sicht auf die Geschichte wandelt.

    Was mich aber wirklich besorgt, ist dieser neuartige Furor an Engstirnigkeit, Unerbittlichkeit und Selbstgerechtigkeit, der sich hier Bahn bricht. Die Künstler werden nicht nur kritisiert, sie sollen durch eine Art Quarantäne in ihrer künstlerischen Existenz zu Fall gebracht werden. Sie sollen nichts mehr schreiben, zeichnen, nicht mehr auftreten dürfen, werden ausgeladen, boykottiert und geächtet. Und das geht einfach zu weit. Dann kippt die ganze Sache.

    Der Gipfel war für mich erreicht, als ich lesen musste, dass sogar Michael Endes Kinderbuch „Jim Knopf“ rassistisch verseucht sei und aus den Kitas und Bibliotheken entfernt werden müsse. Ausgerechnet das Buch mit meinem Kindheitshelden Jim Knopf – verfasst auch noch in den recht reaktionären 50er Jahren – ist in meinen Augen geradezu ein Paradebeispiel für antirassistische Kinderbuchliteratur. Doch im Juli dieses Jahres hat eine Pädagogin namens Christiane Kassama in der Zeit-Online vor Jim Knopf gewarnt. Denn hier würden unbewusst rassistische Klischees und Stereotypen bedient. Und die Begründung lautete, und jetzt zitiere ich Kassama: „Jim Knopf ist so, wie sich Weiße ein lustiges, freches, schwarzes Kind vorstellen.“ Das war’s. Mehr gab es nach Frau Kassama nicht zu beanstanden. Ja wie, das frage ich jetzt in aller Deutlichkeit, sollte Michael Ende denn sonst einen kindlichen Protagonisten darstellen, wenn nicht frech und lustig? Das Urmel, Pippi Langstrumpf, der Pumuckl, die sind alle frech und lustig.

    Liebe Rassismusjäger, sucht und bekämpft doch bitte den Rassismus dort, wo er wirklich und nachweislich existiert, nämlich in der rechtsextremen Gegenkultur, bei den Trumps, den Identitären und Afdlern. Da lohnt es sich wirklich.

    Wenn sich diese Tendenz in den nächsten Jahren noch verstärkt, wird Satire, wie wir sie jetzt noch kennen, unmöglich. Jeder Künstler und Humorist wird dann versuchen, sich nach allen Seiten abzusichern, damit nicht möglicherweise irgendeine Minderheit, von deren Existenz er ja unter Umständen noch nicht einmal wusste, sich als beleidigtes Opfer darstellt. Ich habe jedenfalls nicht vor,

mir von einer Gesinnungspolizei - gleich welcher Couleur - vorschreiben zu lassen, was eine Karikatur darf und was nicht. Satiriker, Künstler und Humoristen aller Art sind dazu da, (fast) alles und jeden durch den Kakao zu ziehen, lächerlich zu machen, Grenzen zu sprengen, sich auch mal hemmungslos zu irren, von ihrer Freiheit, die Dinge anders zu sehen und darzustellen, Gebrauch zu machen, zu irritieren – und eben auch mal die eigene Klientel vor den Kopf zu stoßen. Genau das ist ihre Aufgabe.

    Die Gesellschaft profitiert enorm davon. Sie wird pluraler, offener, veränderungswilliger, bleibt in Bewegung und erhält neue Impulse. Wenn die Künstler und Humoristen diese Funktion nicht mehr wahrnehmen dürften, dann - und jetzt zitiere ich die Bundeskanzlerin - dann wäre dies kein Land mehr, in dem wir gut und gerne leben.

Vielen Dank